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Lustenauer Gemeindeblatt Nr. 24 | Freitag 12. Juni 2020

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Amts- und Anzeigenblatt der Marktgemeinde Lustenau | Erscheint jeden Freitag, Erscheinungsort und Verlagspostamt: 6890 Lustenau

Kultur Archivale des

Kultur Archivale des Monats: Brand der Unterfahrbrücke am 10. Juni 1950 Im August 1867 wurde die in offener Holzbauweise errichtete Unterfahrbrücke feierlich eingeweiht und ihrer Bestimmung übergeben. Die erste Brücke über den Rhein entlang der Vorarlberger Landesgrenze ersetzte die Fährverbindung von Au-Monstein nach Lustenau, die sich in Schweizer Besitz befand. Für Lustenau stellte die Brücke, aufgrund der Nähe zum Auer Bahnhof, eine wichtige Anbindung an das Schweizerische Bahnnetz her. Vor allem für die ab etwa 1870 in der Gemeinde boomende Stickereiwirtschaft war diese schnelle und sichere Verbindung von Vorteil. Mit der Eisenbahn war das damals für die Stickerei so wichtige Handelszentrum St. Gallen einfach zu erreichen. Wichtige Verkehrsverbindung zerstört Bereits einige Jahre nach deren Bau wurde die Brücke angehoben und mit einem Holzdach versehen. Sie brannte in der Nacht zum 10. Juni 1950 fast gänzlich nieder. Ein daraufhin an derselben Stelle errichtetes Brückenprovisorium, das am 22. April 1951 zur Benutzung freigegeben wurde, blieb noch bis zur Fertigstellung der neuen Brücke Au–Lustenau im Jahr 1957 in Betrieb und wurde, sehr zur Enttäuschung der Lustenauer Bevölkerung, kurz danach abgerissen. Der hier wiedergegebene Auszug aus dem Brandbericht von Gebhard Fitz – er war von 1948 bis 1962 Hauptmann und Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Lustenau – berichtet von den damaligen Ereignissen: „Am 10. Juni 1950, 1.30 früh wurde der Brand der hölzernen gedeckten Rheinbrücke Lustenau-Rheindorf gemeldet. Der gegebene Alarm brachte die Wehr rasch zur Stelle. Die Einmaligkeit dieses Brandes erfordert ein näheres Eingehen. Der Brand entstand auf ca. ein Drittel der 148 m langen Brücke von der Schweizer Seite her. Die mit Eisen verschraubte Holzverbundkonstruktion ruhte auf 9 Holzpfeilern, wovon zur Zeit des Brandes 7 Joche im Wasser standen. Die Fahrbahn war mit Quer- und Längsbohlen belegt, die beidseitigen Gehsteige mit Längsbohlen. Die Brücke war mit Brettern verschalt, oben ein Die abgebrannte Unterfahrbrücke im Juni 1950. (Foto Nipp) 18 Nr. 24 / 20 | Lustenauer Gemeindeblatt

Alte Ansicht der Unterfahrbrücke. Hinter der Brücke erstrecken sich bis zur Oberfahrbrücke im Hintergrund die Rheinauen, im Volksmund „Studa“ genannt. (Foto Nipp) 65-cm-Lichtraum frei und das Dach mit Eternit gedeckt. Der ausgebrochene Brand wurde vorerst von der schweizerischen und österreichischen Zollwache mit Wassereimern bekämpft. Erst nachdem sich die Leute klarwerden mussten, dass ihre Löschversuche vergeblich seien, wurde die Feuerwehr auf beiden Seiten gerufen. Doch war es bereits zu spät, einen erfolgreichen Angriff zu unternehmen. Nachdem auf der Entstehungsstelle [in Au] die Verschalung durchgebrannt waren, wirkte die Brücke nach beiden Seiten hin wie ein Kamin, nach beiden Seiten raste das Feuer durch die Brücke, ergriff Konstruktion und Fahrbahn und brachte durch die grosse Hitzeentwicklung die Eternitziegel schussartig zum Abbersten. Die Anfahrt der Spritzen zum Wasserbezug aus dem Rhein war wegen dem hohen Wasserstand unmöglich und auch nicht zu verantworten, da ein weiteres Ansteigen zu erwarten war. So musste die Zisterne [Anm: Feuerlöschbrunnen] bei der Wacht am Rhein [Anm: damals ein nahes Gasthaus in der Rheinstraße] angefahren und mit dieser langen Schlauchleitung der Brand bekämpft werden. Es stand aber im voraus fest, wo wir dem Brand Einhalt gebieten können, nämlich erst auf trockenem Boden. Es war unmöglich ins Wasser des fliessenden Rheins zu stehen und das Feuer von aussen zu bekämpfen. Im tosenden Feuer fast der ganzen Konstruktion sowie der Joche sank die Brücke in sich zusammen und verursachte nachts ein geradezu grandioses und unvergessliches Bild. Brennende Teile trieben nachts auf dem Fluss rheinabwärts. Erst als am frühen Morgen der von uns geschützte Teil gegen das Hochwasser des Rheins hinausstarrte, kam das Bewusstsein, dass hier eine wichtige Verkehrsader, die für beide Teile des Rheintals von grosser wirtschaftlicher Bedeutung war, durchschnitten und vernichtet wurde.“ Bau des Behelfssteges, im Hintergrund sind noch verkohlte Brückenpfeiler erkennbar. (Foto Nipp) Lustenauer Gemeindeblatt | Nr. 24 / 20 19

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