Aufrufe
vor 10 Monaten

Lustenauer Gemeindeblatt Nr. 4 | Freitag 29. Jänner 2021

Amts- und Anzeigenblatt der Marktgemeinde Lustenau | Erscheint jeden Freitag, Erscheinungsort und Verlagspostamt: 6890 Lustenau

Historisches Archiv Eine

Historisches Archiv Eine kurze Geschichte des Lustenauer Gemeindeblatts Bis 1883 verfügte die Gemeinde Lustenau nicht über ein eigenes Publikationsorgan. Wer also etwas zu verlautbaren hatte – beispielsweise, dass er Kartoffeln zu verkaufen hatte – musste sich im Laufe der Woche zum Gemeindeamt begeben und hier einen entsprechenden Text abgeben. Zusammen mit den amtlichen Verlautbarungen wurden diese Mitteilungen jeweils am folgenden Sonntag nach dem Gottesdienst durch einen Gemeindebediensteten am Kirchplatz öffentlich verlesen. Diese Prozedur, „Rufen“ genannt, dauerte – je nachdem, wie viele Verlautbarungen publiziert werden mussten – eine Viertelbis eine halbe Stunde. Diese Praxis schien schließlich der stark wachsenden Gemeinde nicht mehr angemessen. Häufig wurde darüber geklagt, dass die Verlautbarungen nicht die „nöthige Verbreitung“ erlangten, „wodurch dem Einzelnen oft Unannehmlichkeiten und Schädigungen“ entstünden. Daher beschloss die Lustenauer Gemeindevertretung am 14. Juni 1883, „nach dem Vorbild des Dornbirner Gemeindeblattes“ ein eigenes Publikati- onsorgan herauszugeben. Dieses sollte vorerst probeweise für ein halbes Jahr, vom 1. Juli bis zum 31. Dezember 1883, erscheinen. Das „Lustenauer Gemeindeblatt. Organ für alle gemeindeamtlichen Bekanntmachungen“, wie der offizielle Name der neuen Publikation lautete, wurde am Sonntag dem 1. Juli 1883 erstmals ausgeliefert. Das „Blättli“ – so wurde es im Volksmund bald genannt – erwies sich als voller Erfolg. Es erschien auch nach dem Ende des Probebetriebs weiter. Dieser Zuspruch war anfangs allerdings keineswegs selbstverständlich, denn das Gemeindeblatt wurde gleich nach seiner Geburt Gegenstand einer heftigen parteipolitischen Auseinandersetzung. Die damalige Oppositionspartei bekämpfte es erbittert. Im „Vorarlberger Volksblatt“, dem Organ der Christlichsozialen, erschienen mehrere Artikel, in denen anfangs gegen das Lustenauer Gemeindeblatt polemisiert wurde. Die gebundenen Jahrgänge des Gemeindeblatts nehmen im Gemeindearchiv etliche Laufmeter Regalfläche ein. 14 Nr. 04 / 21 | Lustenauer Gemeindeblatt

In den folgenden Jahrzehnten stand das Gemeindeblatt immer wieder einmal im Zentrum politischer Auseinandersetzungen, denn in ihm wurden auch die Protokolle der Gemeindevertretungssitzungen veröffentlicht. Sie lieferten in der Folgezeit oftmals Stoff für politische Kontroversen, die in der parteipolitisch gebundenen Vorarlberger Tagespresse, vor allem in der liberalen „Feldkircher Zeitung“ und im christlichsozialen „Vorarlberger Tagblatt“, ausgetragen wurden. Immer wieder unterstellte die jeweilige Oppositionspartei übrigens, der Bürgermeister missbrauche das „Blättli“ zur politischen Selbstdarstellung. Die Liste dieser Vorwürfe ließe sich von den 1880er Jahren bis in die jüngste Gegenwart ausdehnen. Der Charakter des Lustenauer Gemeindeblatts ist über einen Zeitraum von rund 140 Jahren weitestgehend gleich geblieben: Es erscheint einmal wöchentlich und enthält im Wesentlichen amtliche Mitteilungen, Verlautbarungen und Inserate. Das Gemeindeblatt erscheint seit dem 1. Juli 1883 bis heute einmal wöchentlich. Nur einmal wurde das „Lustenauer Gemeindeblatt“ vorübergehend eingestellt, in den Kriegsjahren 1940 bis 1945. Am 31. März 1940 teilte der damalige Lustenauer Bürgermeister den Abonnenten des „Blättli“ mit, dass dieses „aus zwingenden Gründen“ sein Erscheinen einstellen müsse. An die Stelle der sachlich-nüchternen Darstellung des altehrwürdigen Gemeindeblatts sollte „die aufrüttelnde Einwirkung der politisch ausgerichteten Tages- und Wochenpresse“ treten. Daher werde die Marktgemeinde ihre amtlichen Verlautbarungen fortan im „Vorarlberger Landboten“ oder im „Vorarlberger Tagblatt“ veröffentlichen. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Erscheinen des Gemeindeblatts mit 31. März 1940 eingestellt. Nur Kleinigkeiten haben sich geändert: Erscheinungstag war ursprünglich der Sonntag, später der Samstag, heute ist es der Freitag. Auch das Format und das Layout erfuhren mehrfach Veränderungen. Alle Lustenauer Gemeindeblätter sind im Historischen Archiv der Marktgemeinde Lustenau einsehbar. Bald nach Kriegsende, am 19. Mai 1945, einem Samstag, erschien das Lustenauer Gemeindeblatt erstmals, und in der Folge wöchentlich, wieder. Die Tatsache, dass als Grund für die Einstellung des Gemeindeblatts im Jahr 1940 in einer Mitteilung an die Bevölkerung in der ersten Nachkriegsausgabe nur „unerklärliche Gründe“ angegeben wurden, deutet auf eine der vielen Facetten der Verdrängung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus hin. Der Blick in die Vergangenheit und damit auf die NS-Diktatur wurde damals wohl oftmals lieber vermieden. Das erste Gemeindeblatt nach dem Krieg erschien am 19. Mai 1945. Lustenauer Gemeindeblatt | Nr. 04 / 21 15

LUSTENAUER GEMEINDEBLATT