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Lustenauer Gemeindeblatt Nr. 45 | Freitag 6. November 2020

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Amts- und Anzeigenblatt der Marktgemeinde Lustenau | Erscheint jeden Freitag, Erscheinungsort und Verlagspostamt: 6890 Lustenau

Historisches Archiv

Historisches Archiv Gedenken an die Gefallenen beider Weltkriege und die Opfer der NS-Diktatur Aufgrund der coronabedingten Einschränkungen kann heuer die Gedenkveranstaltung für die Gefallenen der beiden Weltkriege und die Opfer des NS-Regimes nicht abgehalten werden, welche traditionell am Sonntag nach Allerheiligen vor dem Rathaus stattfindet. Um nicht auf die toten Soldaten und die Opfer von Gewalt und Diktatur zu vergessen, soll dieser Artikel an sie erinnern. Am Sonntag, den 6. November 1932, versammelte sich die Lustenauer Bevölkerung zum ersten Mal am Seelensonntag beim Kriegerdenkmal, um der rund 200 Gefallenen des Ersten Weltkriegs zu gedenken. Die von Bildhauer Albert Bechtold geschaffene „Trauernde Frau“ war erst vier Monate zuvor fertiggestellt und feierlich eingeweiht worden. Trotz der Errichtung dieser relativ unkriegerischen Plastik war die Gedenkkultur in Lustenau - wie auch im Rest von Österreich und Deutschland - damals noch von einem männlichen Kult um „die Helden, die ihr Blut für das Vaterland gaben“, geprägt. Ebenfalls am 6. November 1932 fand die letzte demokratische Landtagswahl in Vorarlberg in der Ersten Republik statt. Die NSDAP kam in Vorarlberg von zuvor ca. 1 % im Jahr 1928 auf 10,5 % der Wählerstimmen. In Lustenau waren es 646 Wählerinnen und Wähler bzw. ca. 14,4 %, die die Nationalsozialisten wählten. Vier Jahre zuvor waren es gerade einmal 23 Personen gewesen, die der Partei Adolf Hitlers ihre Stimme gaben. Im Deutschen Reich musste die dort bereits viel stärkere NSDAP bei der ebenfalls am 6. November 1932 stattgefundenen Reichstagswahl einen kleinen Dämpfer einstecken und verlor 4,2 % der Seit 2013 erinnert eine eigene Gedenkstätte in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kriegerdenkmal an die zivilen Opfer der NS-Gewalt und -Diktatur. (Foto Lukas Hämmerle) 14 Nr. 45 / 20 | Lustenauer Gemeindeblatt

Wählerstimmen, blieb allerdings mit 33,1 % weiterhin die stärkste politische Kraft im Reichstag. Gut ein Jahr später hatten die Nationalsozialisten in Deutschland bereits vollständig die Macht an sich gerissen und begonnen, ihre politischen Gegner in Konzentrationslagern zu inhaftieren. gerade im Rahmen des brutalen „Vernichtungs- und Rassenkrieges“ im Osten. Der Zweite Weltkrieg forderte grob geschätzt 65 Millionen Todesopfer. Auch rund 500 Lustenauer Soldaten Hugo Paterno wurde während der NS-Zeit aufgrund seiner widerständigen Haltung mehrfach denunziert und am 7. Juli 1944 in München-Stadelheim wegen „Wehrkraftzersetzung“ hingerichtet. (Foto Historisches Archiv Lustenau) ließen damals ihr Leben und das Leid der Angehörigen muss ein unsagbares Ausmaß gehabt haben. Die traditionell am Seelensonntag vor dem Kriegerdenkmal stattfindende Gedenkveranstaltung kann heuer coronabedingt nicht abgehalten werden. Aber nicht nur der Krieg forderte viele Todesopfer. Zwischen 1939 und 1945 ging mit dem Krieg die Ermordung von rund 200.000 psychisch kranken, sozial auffälligen oder geistig behinderten Menschen einher. Sie wurden in Gaskammern, durch Medikamente sowie durch den Entzug von Nahrung und Pflege umgebracht. Momentan sind es 18 Lustenauerinnen und Lustenauer, von denen wir gesichert wissen, dass sie im Rahmen der NS-Euthanasie zumeist in Hartheim, Oberösterreich, ermordet wurden. Ihre Namen finden sich ebenso auf der 2013 errichteten NS-Opfergedenkstätte, wie die der Todesopfer, die durch die willkürliche und brutale NS-Justiz zu beklagen waren. Daneben wurden über 90 weitere Bürgerinnen und Bürger unserer Gemeinde aufgrund ihrer widerständigen politischen Ansichten während der NS-Zeit verfolgt und inhaftiert. Diese Verfolgungspolitik endete rund ein Jahrzehnt später in millionenfachem Völkermord und der systematischen Ermordung Hunderttausender. Rassismus und das Ausgrenzen bzw. die „Entmenschlichung“ von als „minderwertig“ definierten Menschen waren das Fundament für diese verhängnisvollen Verbrechen des Nationalsozialismus. Ein nicht unwesentlicher Teil der faschistischen Ideologie beruht auf eben jenem Kult um die Kriegshelden und männliche Gewaltbereitschaft allgemein. Es ist wichtig, dass wir uns an diese Opfer erinnern und ihrer gedenken. Genauso, wie es wichtig ist, dass wir uns an die Gefallenen der Weltkriege erinnern. Dieses Erinnern und die Auseinandersetzung mit den Folgen von Diktatur und Krieg mögen uns als Warnung vor autoritären, undemokratischen Regimen und ihrer oftmals brutalen Gewaltbereitschaft gelten. Manche der Lustenauer Soldaten des Zweiten Weltkriegs waren wohl beides, Opfer eines diktatorischen Regimes sowie Täter, denn auch ganz „normale“ Soldaten verübten Kriegsverbrechen, Lustenauer Gemeindeblatt | Nr. 45 / 20 15

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